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Zuhause und doch nicht daheim?
Erfahrungen mit dem Wohnen
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich kann Ihnen keine Statistik über
die Zufriedenheit psychisch Kranker in Wohngemeinschaften vorlegen. Ich
habe wenig Ahnung von den Problemen in Ihrer „WG-Szene“.
Ich weiß auch nicht besser als Sie, was psychisch Kranke im
Großen und Ganzen denken und fühlen.- Schon deshalb nicht,
weil es den psychisch Kranken garnicht gibt. Das allerdings
weiß ich mit Gewißheit. Was eventuell gelingen könnte,
sind einzelne, kaleidoskopartige Eindrücke, die weder
vollständig sein wollen, noch verallgemeinerbar sind.
Die - für mich - erstaunlichste
Erfahrung in der Selbsthilfearbeit ist eine, die ich in solcher
Radikalität nicht erwartet hätte: Wir, jede und jeder, sind
von einander radikal verschieden. Wie Personen eben verschieden sind.
Wenn es doch einmal zu der Bemerkung kommt: „Ja, so geht´s
mir auch!“, dann liegt es eher an der ungenauen Beschreibung und
Beobachtung des Zustandes, als an einer wirklichen Identität des
Erlebten und Erfahrenen. Identitätsfeststellungen gibt es offenbar
nur auf dem Hintergrund vorgeschalteter, von Außen angelegter
Beobachtungskonzepte, die immer schon von einer Gleichheit und niemals
von einer radikalen Unterschiedenheit ausgehen.
Heißt das nicht, wenn schon die
Psychiatrie- und Psychose-Erfahrenen keine Erlebnisidentität
feststellen können, daß der einzelne Psychoseerkrankte -
zumindest zeitweise - sein Leben in abgeschlossenen, beziehungslosen
Bewußtseins- und Existenzräumen zubringt, sozusagen in
psychischer Isolationshaft, trotz vorhandenen Sozialkontakts?
Das sind - obwohl unsichtbar -
die fundamentalen Wohnverhältnisse, mit denen es psychisch kranke,
psychoseerfahrene Menschen zu „tun“ haben. Erst in zweiter
Linie geht´s um den faktisch-handfesten Wohnraum mit Bett, Stuhl
und Tisch.
Zitate, die Ihnen nicht unbekannt sein dürften:
„Ich halt´ es nicht
mehr aus in meiner Haut!“ oder: „Ich hätte aus dem
Fenster springen wollen!“
Es gibt offenbar Zustände, die unmöglich sind, die einem keinen Raum mehr einräumen, um zu sein.
Psychisch Kranke sind in ihrem Dasein-Können, in ihrem Wohnen auf
dieser Welt, könnte man sagen, eminent bedroht - auch wenn sie
eine Wohnung haben und gerade kein Vermieter mit einer Kündigung
droht. Eine Zufriedenheit [1] mag sich nicht einstellen oder kippt
ständig ab in das bloße „es gerade noch irgendwie und
irgendwo auszuhalten“. Krisen sind dann immer Krisen des
gesamten Sein-Könnens, das ohnehin geschmälert ist und sich
dann akut verengt und zuspitzt.
Eine Kollegin hat sich einmal so ausgedrückt: „Eigentlich
wohne ich in erster Linie in mir selbst.“ Demnach heißt
psychisch-krank-sein nicht selten: bei sich selbst
„obdachlos“ sein, nur schwer ein Unterkommen finden.
Warum ich darauf solchen Wert lege, dieses - letztlich - nicht dingfest
zu machende Phänomen darzulegen, ist der Umstand, daß man
bei aller Strukturdiskussion vergißt, daß die Struktur in dieser Ausweglosigkeit keine Abhilfe schafft.
Nur der Mensch (und vielleicht Gott, wenn man religiös ist) kann
wieder Raum geben, ins Offene führen und Hoffnung (= Zeitraum)
vermitteln (im Verstehen).
Die Struktur hingegen ist tot. Aber insofern notwendig, als sie dem
Helfer ermöglicht, sich in bestimmter, vielleicht optimaler Weise
anzubieten und präsent zu bleiben.
Um es in einer Metapher auszudrücken: Der Helfer, der Therapeut,
der Betreuer, der Mensch verhält sich zur Versorgungsstruktur wie
das Gemälde zum Rahmen, der Brillant zur Fassung. Das Gemälde
spricht einen an; man schaut auf das Bild. Ohne Rahmen jedoch kann es
nicht zur Geltung kommen.
Viele Betroffene halten mit Stil und Leidenskraft am Leben in den
eigenen vier Wänden fest. Obwohl von Einsamkeit durchstimmt,
wollen sie nichts daran ändern. Ihre Autonomie ist ihnen heilig.
Die eigene Wohnung
wird als Refugium empfunden, als Zufluchts- und Rückzugsort vor
der Welt da draußen. Hier - nur hier ist es möglich, so zu
sein, wie man will oder wie es einem gerade noch möglich ist.
Daheim ist da, wo die Definitionsmacht über mein Verhalten
ausschließlich bei mir liegt. Und wenn ich die bizarrsten
Verhaltensweisen an den Tag lege! Und wenn ich 5 Tage lang im Bett
liege, um wieder ins Lot zu kommen! Nur daheim wird niemandem sonst
etwas zugemutet - außer dem Betreffenden selbst. Zuweilen
muß man anerkennend von Lebenskunst sprechen, wenn man
beobachtet, mit welcher Virtuosität Alleinsein bewältigt wird.
Mitunter ist aber das Alleinsein nicht mehr die Lösung des
Problems, sondern zunehmend das Problem selbst. Jemand kommt in den
toten Winkel, wo er weder allein, noch mit anderen sein kann. Es
wächst jedoch die Einsicht, daß aus purem Kontaktmangel eine
betreute Wohnform gesucht werden muß. Dies nötig zu haben
mag als Kränkung empfunden werden, ähnlich wie man die
Notwendigkeit von „Psychopharmaka“ als kränkend
empfinden kann. Darüber hinaus muß ein Dünkel abgebaut
werden, der gegen andere psychisch Kranke bestehen kann - erst dann
sind die Leidensgenossen als mögliche Freunde entdeckt.
Wie auch immer: Ob jemand nach einem langen Klinikaufenthalt oder aus
der eigenen Wohnung in eine betreute Wohngemeinschaft geht, gestalten
sich Hoffnungen und Ansprüche sehr verschieden. Wünsche nach
Geborgenheit - Räumen des Seinkönnens - lassen sich
erfüllen, jedoch nur um den Preis eingeschränkter Freiheiten
und reduzierter Selbstbestimmung. Geborgenheit bei vollem Erhalt der
Selbstbestimmung - von dieser Vorstellung muß man sich
verabschieden. Selbst in einer virtuell-idealen Wohngemeinschaft
könnte das nicht funktionieren. Es scheitert an den Anderen, die
ja gleichzeitig die große Chance sind! Willigt man also ein, in
einer Wohngemeinschaft zu leben, bleibt von der Selbst- nur noch die Mit-Bestimmung
übrig - in einigen Bereichen wenigstens. Eine Mitbestimmung allerdings muß
es geben, und das nicht nur auf dem Papier, sondern im
„wirklichen Leben“. Nicht nur bei der Aufstellung des
Putzplanes, sondern auch bei so neuralgischen Punkten wie der
Neubesetzung eines freiwerdenden WG-Platzes.
Leider kenne ich zu wenig Leute, die in WG´s leben. Das typische
MüPE-Mitglied ist eher die oder der beschriebene Alleinlebende.
Die wenigen Personenn aber, die ich befragen konnte, sagen
übereinstimmend, wie wichtig ihnen die Gruppe der Mitbewohner ist
oder war. Mit ihnen teilt man das unmittelbare Leben - sie können
einem Freund werden oder... Feind.
Eine synergetische Besetzung in einer WG
zu erreichen und das noch auf dem Wege eines Konsenses, scheint mir
eine hohe therapeutische Kunst zu sein, die es verdient, geübt und
gepflegt zu werden. Nicht zuletzt für die Erlangung
therapeutischer Ziele ist eine - bildhaft gesprochen -
biotopähnliche Gestaltung der WG m. E. eine unabdingbare
Voraussetzung.
Es dürfte ein Irrtum sein, zu
glauben, alles, was an Therapie, an Hilfe geschieht, müsse und
würde durch die professionellen Therapeuten geschehen. Die
Bewohner selbst verfügen über mehr oder weniger Ressourcen,
um sich zu unterstützen, gemeinsam aktiv zu sein und sich
gegenseitig im Verfolg von Interessen und Neigungen zu animieren.
Therapeuten und Betreuer, scheint mir,
werden vorwiegend in tiefgreifenden Krisen beansprucht, wenn der
solidarische Beistand befreundeter Mitbewohner nicht ausreicht oder
sich die gesamte Wohngemeinschaft von psychotischen Entwicklungen eines
Bewohners bedroht fühlt.
Von den Therapeutinnen und Therapeuten
erwartet man auch regulative Eingriffe, wenn die Gruppe selbst mit
Fehlhaltungen Einzelner nicht mehr zurechtkommt. Man erhofft sich
ebenso Unterstützung in bürokratischen Angelegenheiten.
Gesundheitspolitische Anmerkung:
Soll es im Rahmen eines
Gemeindepsychiatrischen Verbundes (GPV) auf Seiten der
Wohngemeinschaften eine Aufnahmeverpflichtung geben?
Nein. Wichtig und vorrangig ist die
Gestaltung und Erhaltung des therapeutischen Milieus. Ein Mittel, um
das zu steuern, ist notfalls die Nichtaufnahme eines Bewerbers.
Allerdings gilt es, wenn dies zugestanden wird, an die Selbstverpflichtung zu erinnern, einen sog. „schwierigen“ Patienten in der WG zu haben. Auch die Bewohner müssen sich darüber im klaren
sein, daß es sich um eine staatlich geförderte Versorgungseinrichtung handelt, in der es zwar eine gewisse Mitbestimmung, aber keine restlose Selbstbestimmung gibt.
Ein Bewerber sollte nicht zu oft
abgelehnt werden. Eine konkrete Zahl läßt sich
selbst-verständlich nicht angeben. Es mag Personen geben, wo man
schon die einmalige Ablehnung vermeiden muß. Mit anderen Worten,
es muß eine qualifizierte Vorklärung und Vorauswahl erfolgen
(Kundschafter)
Verfasser:
[1] ) „Wohnen“
heißt nämlich - etymologisch betrachtet - in seiner
Grundbedeutung „Zufrieden-Sein“
(aus: Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 1975, S. 867)
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