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Niederschrift:
Angehörige psychisch Kranker e. V.,
Rede beim Bayern-Treffen vom 07.10.2000 in München:
KRANKHEITSEINSICHT UND BEHANDLUNGSBEREITSCHAFT
Als Betroffener: Reinhold Sager
Grüß Gott, meine Damen und Herren,
ich, Reinhold Sager, spreche als
Psychiatrie-Erfahrener, also als Betroffener, mit Ihnen als
Angehörige und als berufliche Fachleute. Wir wünschen Sie als
Verbündete. Meine Meinung ist weitgehend aus eigener Erfahrung
gebildet.
Der Kranke
empfindet sich häufig und gerade in der Krise als
„normal“. Die Angehörigen und seine sonstige Umgebung
machen ihn häufig darauf aufmerksam, daß sie ihn als
„nicht normal“ empfinden, z. B., wenn er bei Widerspruch
schreit. Vielleicht haben ihn einige auch im Verdacht, daß
er sich vor der Arbeit drücken will.
Ursachen ...
..für psychische Krankheit gibt es
viele, unter anderem Schuld- und Angstgefühle, die oft schon in
der Jugend entstehen. Hier ist eine Vertrauensperson
ganz wichtig zur Klärung im Gespräch, um mit diesen
Gefühlen leben zu können. Beseitigen lassen sie sich selten.
Die Krise,
... z. B.
nach abruptem Absetzen der Medikamente, wird unterschiedlich von
Kranken und den Angehörigen erlebt. Der Kranke kann wie im
Zerrspiegel die Reaktion seiner Angehörigen auf sein Verhalten
erleben.
Krankheitseinsicht
Wenn
mehrere Personen seiner Umgebung dem Kranken darlegen, wie störend
und sonderbar sein Verhalten ist, so wird er selber prüfen, ob
dieses für ihn und für seine Umgebung schädlich ist.
Hier ist eine erneute Vertrauensschwelle. Meint es seine Umgebung gut mit ihm und ihrem Rat, sich behandeln zu lassen, oder nicht?
Hat er Vertrauen in die vorgeschlagene Behandlung?
Es gibt bei vielen Kranken und in der Gesellschaft gegen die Bezirkskrankenhäuser Haar und Wasserburg-Gabersee eine starke Abneigung.
Im Bewußtsein der Kranken und der Gesellschaft sind die dortigen
Kranken trotz aller Fortschritte geistig gebrandmarkt. Diese Vertrauens-Schwelle wird durch die wohnortnahe Behandlung außerhalb der BKH´s
vermieden.
Vor der gefürchteten und des öfteren unnötigen Zwangseinweisung und/oder Stellung eines Betreuers kann eventuell ein privater Rechtsanwalt bewahren.
Den entscheidenden Eindruck ...
... in der behandelnden psychiatrischen Klinik bekommt der Patient vom aufnehmenden Arzt. Vermittelt er Vertrauen, ist viel gewonnen für die Behandlungsbereitschaft.
Schikanen im Krankenhaus
Der Kranke sollte möglichst wie ein normaler
Mensch behandelt werden. Schikanen sind zu vermeiden, z. B. das Verbot,
in eine andere Station zu gehen, weil er Gepäck aus seinem Wagen
geholt hat, oder im Gang in seinem Bett angebunden liegen muß, so
daß es alle sehen, oder mit 4 bis 8 Patienten in einem Raum leben
müssen. So etwas stört die Behandlung und den
Heilungsprozeß erheblich und führt zum Abbruch der
stationären Behandlung durch den freiwilligen Patienten.
Wer ist „verrückt“?
Nicht-Anpassung an verrückte
Umstände kann eine Selbsterhaltungs-Maßnahme des
vermeintlich „Verrückten“ sein. Z. B. Dauerstreit in der Familie kann zu Selbstisolation der Betroffenen führen.
Mobbing im Beruf kann einen bis zum Selbstmord treiben
Krieg ist das Verrückteste auf der Welt.
Workshop
Wir von den Münchner
Psychiatrie-Erfahrenen (MüPE) laden Sie herzlich zu einem Workshop
ein. Wir können dabei miteinander gemeinsame Fragen bearbeiten.
Dank
Ich danke allen, die mir geholfen haben
und noch helfen, vor allem meiner Frau. Ich danke Ihnen für Ihre
Aufmerksamkeit und stehe Ihnen für die Diskussion zur
Verfügung.
Mit freundlichem Gruß
Reinhold Sager
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