|
Erschienen in:
"KERBE"– Die Fachzeitschrift für Sozialpsychiatrie, Nr. 1/
2000. Hrsg.: Bundesverband Evangelische Behindertenhilfe (BEB),
Stuttgart.
BEITRAG ZUM THEMA:
"PSYCHOTHERAPEUTISCHES HANDELN UND SOZIALPSYCHIATRIE" – Erfahrungen, Statements
Als persönliches Leitmotiv ein Zitat von T. S. Elliott:
"Wir lassen nie vom Suchen ab, und
doch, am Ende allen unsren Suchens sind wir am Ausgangspunkt
zurück und werden diesen Ort zum ersten Mal erfassen."
Nach nunmehr 42 Jahren Lebenszeit blicke
ich auf heikle Gratwanderungen zurück, ein Existieren auf Messers
Schneide. Ganz gleich, ob mein Leiden an mir selbst primär auf
individualpsychologische, biographische, neurophysiologische,
genetische oder karmische Faktoren zurückgeht, fand ich mich
jedenfalls wiederholt genötigt, professionelle Hilfe zur
Selbsthilfe zu suchen. Langjährige Einzel- und
Gruppenpsychotherapien, fortgesetzte Konsultationen
Sozialpsychiatrischer Dienste, Kurzberatungen bei diversen
psychosozialen Einrichtungen, ambulante sowie stationäre
Krisenintervention: Stationen, die neben der Bekanntschaft mit einem
breiten methodologischen Spektrum und Exkursen ins Unorthodoxe teils
gravierende Fehlschläge mit einschließen, wozu u. a.
Therapieabbrüche und sexueller Mißbrauch in zwei Fällen
zählen. In sofern betrachte ich mich nicht nur als "betroffen",
sondern auch als kompetent. Heutzutage favorisiere ich die
Laienselbsthilfe, bin aktives Mitglied beim e. V. der Münchner
Psychiatrie-Erfahrenen und traue aus persönlich durchlebtem Leid
und Selbst(er)kenntnis gewachsener Kompetenz inzwischen mehr als
solcher, die auf rein fachlicher Aus- und Fortbildung bzw. Diplomen
beruht. Professionalität geht mit Prestige einher, das bekanntlich
zur Hybris verleitet.
Günstigenfalls boten Therapeuten
mir Freiräume zur Selbsterforschung unter geschützten
Bedingungen, beschenkten mich mit Geduld, Achtung und ungeteilter
Präsenz, fungierten als Pfadfinder und Fährtenleser,
Projektionsleinwände und Spiegel, Vor- und Feindbilder,
Geburtshelfer und Elternsurrogate, ermöglichten Kontinuität,
Wachstumsbeschleunigung, sogar Wandel, und immer jede Menge Chancen im
Rahmen unterschiedlichster Versuchsanordnungen. Neben denen, die
Autorität besaßen
und ausspielten, die "therapeutische Distanz" indes dringender zu
benötigen schienen als ich selbst, gab es andere, die
Autoritäten waren. Von ihnen glaubte ich mich verstanden in meinem Bedürfnis, gesehen zu werden, auf daß ich mich selbst sähe:
in meiner Ganzheit, mit allen Facetten, unparteiisch. Ohne Vorurteile;
ohne Schubladen mit diagnostischen oder sonstigen Etiketten.
Um nicht ekstatisch abzuheben, pflege
ich den Skeptizismus als Tugend. Vornehme Intentionen und hehre
Therapieziele sollten zunächst als Wortgeklingel mit
Definitionsbedarf ausgemacht werden, den es zu hinterfragen gilt. In
welche (und in wessen)
Wunschrichtung weist denn die Wegstrecke vom Ist- zum Sollzustand? Sind
dabei Bedingungen gestellt? Figuriere ich als Objekt oder Subjekt, als
Partner oder Patient? Was für ideologische Konzepte liegen Setting
und gewählter Vorgehensweise zugrunde? Wird individuellem
Anderssein Spielraum gewährt? Soll ich vereinnahmt werden,
indoktriniert, umgemodelt wie Wachs in jemandes Händen? Wieviel
Handlungsautonomie wird zugestanden, welche Grenzen, welche Freiheiten?
Wieviel Vertrauen kann ich wagen?
Ließ ich in meiner Wahl
therapeutischer Optionen nicht große Achtsamkeit walten, wurde
bestehendem Leiden manchmal weiteres hinzugefügt, Qual zugespitzt,
Traumatisierung vertieft. Mitunter entartet Psychotherapie just zu dem
Übel, als dessen Kur sie sich versteht. Institutionalisierte
Qualitätskontrollen und Mediations- bzw. Beschwerdestellen
für Miß-Therapierte sind zweifellos Desiderate, wenngleich
nicht ohne Tücken.- Bereits das ebenso strapaziöse wie
hochsensible Auswahlverfahren impliziert ein Übermaß von
Zufallsmomenten. Zur gegenseitigen Vergewisserung reicht die
probatorische Phase oft nicht aus. Kommt es später zu prozessualen
Entgleisungen und verunglückt das therapeutische Bündnis,
gereichen in praxi weder Abstinenzgebot noch eventuelle Supervision zur
Hilfe... zumal der durchaus legitime Schutz einer
Beziehungskonstellation, die ihrem Wesen nach äußerst
diskret und störanfällig ist, ganz nebenbei der
Aufrechterhaltung des Mythos psychotherapeutischer Unfehlbarkeit dient.
Mögliche Konsequenz: Dem durch Kunstfehler, grobe
Regelverstöße oder menschliches Versagen seines Behandlers
verratenen Klienten ist u. U. die "Beweislast" aufgebürdet, da
Dritte den Wahrheitsgehalt seiner Darstellung prinzipiell eher
beargwöhnen als die Reputation des Profis, welcher zumeist
Glaubwürdigkeitskredit genießt. Da zutiefst persönlich
involviert, kann der Klient den zur Situationsanalyse erforderlichen
Abstand naturgemäß gerade nicht einnehmen. In multiplen
Fallstricken zappelnd, muß er ggf. einsame Entscheidungen treffen
(Entscheidungsverzicht inbegriffen) und die Folgen ausbaden, die er
angeblich sich selbst zuzuschreiben hat. Ein Grund mehr, für
Selbsthilfeinitiativen als Trend zu mehr Emanzipation – auch und
insbesondere Geschädigter – zu plädieren.
Noch ein Schwenk auf freiberuflich
betriebene Psychotherapie als Marktareal im Wildwuchs der modernen
Dienstleistungsgesellschaft. Helfen ist nicht zuletzt ein
Geschäft, was sich gelegentlich kritischen Nachfragens fast stets
als höchst unerwünschtes (weil peinliches?) Sujet erwies, das
in aller Regel eilends abgeblockt wurde. Der Verdacht drängt sich
mir auf, daß hier nicht nur Profitinteressen, sondern auch
entpolitisierte Freizonen gewahrt bleiben sollen. Wo Berater
sozialpsychiatrischer Ressorts gesamtgesellschaftliche Mitverantwortung
durchaus konzedieren, stellen sich Seelenspezialisten mit Privatpraxis
auf diesem Ohr vorzugsweise taub. Wo es andererseits um
"defizitäre" Anteile beim Klientel, um individuelle
"Fehlanpassungen" geht, werden sie erstaunlich selten müde,
Eigenverantwortung auch fürs soziale Umfeld zu betonen.
Unbestreitbar zu Recht... nur leider allzu einseitig.
Am häufigsten bekam ich das
indignierte bis herablassende Echo, dies sei nicht das Thema.
Tatsächlich? Alarmierende Statistiken über die Zunahme
psychischer bzw. psychosomatischer Leiden, Depression als
Volkskrankheit, Xeno- und andere Phobien, die Pathogenese des Alltags,
Sinn- und Werteerosion, verletzte Menschenwürde – alles kein
Thema? Und Prävention? Soll sie künftig nur noch per
Pharmaindustrie resp. mittels gentechnischer Selektion stattfinden, um
Menschen auf krankmachende gesellschaftliche Verhältnisse hin
maßzuschneidern statt umgekehrt? Muten Rückzugsmanöver
von Fachleuten auf die Elfenbeintürme wissenschaftlicher
"Objektivität" bzw. "Wertneutralität" da nicht zumindest
unseriös an? Schade... auch deswegen, weil mithin die
Psychotherapie (per se ein fiktionales Subsystem) m. E. einen
unaufrichtigen Beigeschmack annimmt, was die so gern beschworene
Compliance nicht eben fördert.
Soweit die Polemik. Mit dem Status quo
zufrieden gebe ich mich nicht. Erwiesenermaßen ist der Mensch ein
soziales Wesen, dessen Befindlichkeiten und Beschwerden das Milieu, in
dem er lebt, wesentlich mitbedingt. Auch jenseits tropischer
Regenwälder ist offenkundig alles mit allem ontologisch vernetzt,
und Leiden erwächst nicht aus irgendeinem Vakuum. "Verrücktheit ist die vollkommen rationale Anpassung
an eine verrückte Welt",
wie der avantgardistische Psychiater und Autor Ronald D. Laing schrieb
– ein begreiflicherweise unpopulärer, wiewohl
bedenkenswerter Blickwinkel.
Ob und inwieweit ich
"behandlungswürdig krank" bin, bleibt Anschauungssache. Von der
Grundannahme, daß Daseinskrisen metaphysischer Sinn innewohnt und
Symptome weitaus mehr sind als Indizien für Persönlichkeits-
oder sonstige Defekte, bringen auch Zeitgeistphänomene mich nicht
ab. Das sogenannte Kranke als konsensuelles Konstrukt einer
mutmaßlich kranken Gesellschaft, die sich (auch) durch immer
rigidere Ausgrenzung unerwünschter "Randgruppen" definiert, durch
Angst und Aversion gegenüber allem Fremden, Ungeläufigen,
wirft sicherlich Schlaglichter auf die Mentalität dieser
Gesellschaft. Was vermögen Therapeuten als Normenkontrolleure in
den Schranken bloßer Schadensbegrenzung, dazu beordert,
Abweichler auf standardisierten Kurs zu bringen, sie opportun
zurechtzuschleifen und angebliche Dysfunktionalität ins leistungs-
und konsumorientierte Korsett zu schnüren, bis daß der Atem
stockt?
Wenn Psychotherapie mit starr
monadischem Konzept letztlich nur An- und Einpassung erstrebt,
disqualifiziert, ja korrumpiert sie sich selbst. Braucht diese
Gesellschaft wirklich noch mehr Konformisten, noch mehr Egomanen? Ich
finde: nein. Und ich ziehe für mich selbst die Konsequenzen.
Beistand, Ermutigung, Ansporn zum Eigen-Sinn, zu eigener Sinnsuche
verdanke ich großenteils professionellen Ratgebern, die
Mündigkeit mir nicht nur abverlangten, sondern auch vorlebten.
Wir brauchen mehr ihresgleichen: Heil-Kundige mit Weitblick, die noch
wissen, daß man wirklich gut nur mit dem Herzen sieht.
München, den 22.11.1999
Ivy Anger
|
|