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Geld oder/und Leben
Psychiatrie-Erfahrene und Arbeit
Das gestellte Thema ist, wie wir alle wissen, ein leidiges. Dass es das
ist, liegt in seiner Natur. Durch Arbeit ernährt und schützt
sich der Mensch, er drückt sich aus und findet sich
bestätigt. Er findet die Kraft im oft schwierigen Dasein zu
bestehen. Dabei schöpft er aus dem Fundus seiner Fähigkeiten
und Mittel und durch Arbeit tritt er mit sich selbst und seiner Umwelt
in Beziehung. Er tritt auch in Konkurrenz zu seinen Mitmenschen.
Psychiatrie-Erfahrene nun finden sich in diesem Wettstreit oft in der
Position des Unterlegenen.
Krankheitsbedingt kann man vom (Erwerbs)leben abverlangte Leistungen
nicht oder nur mangelhaft erfüllen, müssen Arbeitsplätze
und Lebens- und Berufspläne aufgegeben oder (wofür ich
plädiere) modifiziert werden. Es wäre dies auch in Zeiten
wirtschaftlicher Prosperität und blühender
Sozialstaatlichkeit eine unerfreuliche Problematik, wie viel mehr noch
in der von Arbeitslosigkeit und Sozialabbau gekennzeichneten Gegenwart.
Es gehört auch zum Charakter des Phänomens Arbeit, dass
sowohl das Fehlen von Arbeit als auch ihr Vorhandensein oder ihr
Übermaß Leiden schaffen kann.
„Arbeitslosigkeit“, also das Fehlen von Erwerbsarbeit,
bedeutet in unserer Gesellschaft nicht nur das Verwiesensein auf
dürftigere Mittel zum Lebensunterhalt, sondern auch ein Stigma.
Ganz besonders gilt dies leider immer noch für Männer, die
sich noch stärker als Frauen über die Erwerbsarbeit
definieren und definiert werden. Auch im traditionellerweise den Frauen
zugeschriebenen Bereich der (leider weitgehend) unbezahlten Hausarbeit
und Kinderversorgung haben Psychiatrie-Erfahrene oft ein Manko.
Hausarbeit bleibt aufgrund eingeschränkter Leistungsfähigkeit
liegen, Kinderwünsche können nicht realisiert werden, bei
vorhandenen Kindern gibt es oft Schwierigkeiten mit der hinwendenden
Verfügbarkeit und dem Sorgerecht. Psychiatrie-Erfahrene,
Männer und Frauen, tragen also oft ein doppeltes, ja dreifaches
Stigma: das der Erkrankung, das der Arbeitslosigkeit und das der Armut.
Ich möchte mich nun dafür stark machen, dass wir
Psychiatrie-Erfahrenen diese Stigmata bekämpfen, indem wir, wie
schon angedeutet, unseren Lebensplan nicht aufgeben, sondern ihn
modifizieren, wobei wir die Bewältigung unserer Lage als durchaus
lohnende Aufgabe (= Arbeit) betrachten können. Dies bedeutet
unseren Lebensmut nicht sinken zu lassen, bzw. ihn immer wieder neu zu
finden. Und es bedeutet zu versuchen, sich auf eine für jede/n
ganz individuelle Weise eben doch zu beweisen, um so, soweit es
möglich ist, Selbstbestätigung zu finden, trotz unserer
hindernden Erkrankung. Wir alle, soweit wir nicht völlig
resigniert haben, befinden uns in diesem Prozess.
Manche sind vielleicht sehr stark oder völlig mit der
Bewältigung der Erkrankung beschäftigt. Andere leben in einer
Partnerschaft oder/und haben Freunde, d.h. es gelingt ihnen,
Beziehungsarbeit zu leisten. Sind beide Partner erkrankt, fallen
gegenseitige Betreuungs- und Unterstützungsleistungen an. Einige
betätigen sich künstlerisch, was neben der
„handwerklichen“ Arbeit die Leistung von Sublimation
bedeutet. Man (bzw. frau) versucht den Haushalt zu bewältigen oder
es gelingt sogar ganz gut. Hierbei handelt es sich um Hausarbeit, die
auch für Männer geeignet ist. Das Gebiet der
„Selbstverwaltung“, d.h. der „lästige
Papierkram“ mit allem was dazugehört, ist ebenso als
(manchmal ausbaufähige) Arbeit anzusehen. Manche machen
Aushilfstätigkeiten oder man geht einer geregelten
Erwerbstätigkeit nach (minimal, Teilzeit oder Vollzeit).
Vielleicht gibt es Kinder, die versorgt werden müssen oder zu
denen die Beziehung möglichst positiv zu gestalten ist. Andere
machen eine Ausbildung bzw. studieren. Man kann vielleicht im
erwünschten und erlernten Beruf arbeiten, oder man/frau musste
nach einer anderen Lösung suchen, die vielleicht einen Kompromiss
beinhalten kann. Mancher arbeitet an einem sog. beschützten
Arbeitsplatz, andere (evtl. als Schwerbehinderte/r) auf dem ersten
Arbeitsmarkt. Andere müssen ganz von der Rente oder/und
Grundsicherung leben und es gelingt ihnen vielleicht ein oder mehrere
Hobbys zu pflegen.
Therapien werden nötig, die nicht nur Energie geben, sondern sie
auch fordern. Medikamente schützen, aber schränken auch ein,
ja können sogar schädigen. Einige von uns bewegen sich oder
engagieren sich in der „Psychoszene“, d.h. bei
„niedrig-schwelligen“ Angeboten, die von
Gesundheitsarbeitern oder von gesunden Laien getragen werden, oder in
der Psychiatrie-Erfahrenenbewegung, die wir selbst verantworten.
Ich will den Wert der Erwerbstätigkeit nicht schmälern: Es
stärkt das Selbstbewusstsein, seine Arbeit finanziell honoriert zu
bekommen. Es ist gut, sich selbst ganz oder teilweise ernähren zu
können. Es kann stabilisieren zu arbeiten. Es ist schön, sich
etwas leisten zu können. Es kann das Leben verlängern, Geld
zu haben. Sollten sich faschistoide Kreise durchsetzen (wogegen es
einen breiten Widerstand geben muss) würde die
Arbeitsfähigkeit in noch einem weiteren Sinne zum
Überlebensmerkmal: Nicht arbeitsfähigen Behinderten
würden ebenso wie alten Menschen lebensrettende Maßnahmen
verweigert.
Es ist also sicherlich wichtig, dass Psychiatrie-Erfahrene die
Möglichkeit haben, Erwerbsarbeit auszuüben. Es wäre auch
von Vorteil, auf dem ersten Arbeitsmarkt offener über unsere
Probleme sprechen zu können. An „beschützten“
Arbeitsplätzen hapert es teilweise mit der Bezahlung, und die
Beschäftigten werden oft in eine zu enge Abhängigkeit
geführt, und bestimmte Bedürfnisse der Psychiatrie-Erfahrenen
wie späterer Arbeitsbeginn, Teilzeitarbeit und gute
Arbeitsatmosphäre werden manchmal nicht beachtet. Es ist dies also
ein Feld, auf dem noch Verbesserungen zu fordern und vorzunehmen sind.
Schlussendlich sollten wir uns der Gleichung:
(erwerbs-)arbeitsfähig = lebenswert nicht anschließen und
uns nicht ganz über die Erwerbsarbeitsschiene definieren und
definieren lassen. Und nebenbei bemerkt, nicht alles, was gearbeitet
und produziert wird, ist sinnvoll. Sich konstruktiv um seine Gesundheit
zu bemühen, ist es schon.
Amelie Julia Wegner
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